Hyperlokalität – Regionale Nachrichten 2.0 – 2019 wird spannend

Hyperlokalität - Sven Oliver Rüsche besuchte die Merkuristen in Mainz und über Lokaljournalismus.

Hyperlokalität – Regionale Nachrichten 2.0 – 2019 wird spannend

Gummersbach – Filterblasen und vorgekaute Agenturmeldungen sind aktuell die Ist-Situation beim Nachrichtenkonsum. Für 2019 sehe ich in unserer Region einen neuen Trend: Die benutzergenerierte Hyperlokalität. Themen, die vom Leser vorgegeben werden und professionelle Redakteure dann durchleuchten.

Hyperlokalität – Leser nicht in politischen Grenzen einsperren!

Seit dem Anfang der 2000er Jahre betreibe ich regionale Internetportale. Geographisch agierten diese Portale immer im Sauerland und im Bergischen Land. Vor allem beim Überschreiten der – nach wie vor bestehenden – Mediengrenze zwischen den Medien in Westfalen und im Rheinland war ich sehr erfolgreich. Auch heute existiert diese Mediengrenze noch. Diese Grenzen bestehen immer noch in den Köpfen der Redakteure bzw. werden diesen von den Redaktionsverantwortlichen diktiert.

Dabei interessiert dem Leser schon, was im benachbarten Kreis los ist. Als “Grenzgänger” (ich wechselte meinen Wohnsitz öfters zwischen Oberbergischen Kreis und dem Kreis Olpe) weiß ich wovon ich rede. Ja, es gibt im Internet diese Grenzen (eigentlich) nicht. Doch dank der “Filterblasen” existieren diese dann doch wieder.

Der Bergneustädter erfährt so gut wie nie etwas, was im 10 Kilometer entfernten Drolshagen passiert – umgekehrt fahren die Drolshagener dann lieber zum Einkaufen nach Siegen, obwohl es in Gummersbach ein ähnliches Angebot gibt. Natürlich nur, weil die Werbetreibenden und Medienmacher aus dem Kreis Olpe und Siegen traditionell sehr eng verflochten sind und bis heute nicht über den Tellerrand hinausblicken.

Dabei wäre es für alle ländlichen Kreise/Städte wesentlich besser, wenn sie sich von den angrenzenden Metropolen emanzipieren. Entsprechend fehlt es an bindenden Medien, die diese Grenzgebiete mehr vernetzen. Facebook hat es in den letzten Jahren leider nicht geschafft, diese Aufgabe zu erfüllen. Damit hatte ich eigentlich gerechnet. Wenn nur ansatzweise.

Es gibt zwar zahlreiche “Ortsgruppen” ala “Du bist aus Gummersbach …” – nur was nützt es, wenn ich Mitglied in so einer Gruppe bin – aber diese Hyperlokalität nicht zum Tragen kommt, weil die Algorithmen und Filterblasen von Facebook dann genau diese Gruppenbeiträge nicht in meinem Newsfeed anzeigen, weil irgendein Programmier-Code bei Facebook meint, dass andere Nachrichten für mich “besser” wären … ?!

Entsprechend braucht unsere Medienlandschaft neue Medien, die Nachrichten aggregieren und ohne zusätzliche Filterblase sichtbar machen. Am besten lässt man nicht Computer-Formeln entscheiden, was den Leser interessiert, sondern den Leser selbst. “Oha!” werden jetzt meine Kollegen aus der schreibenden Zunft sagen. Wie soll das unter dem Anspruch der Hyperlokalität funktionieren?

Genau diese Frage habe ich mir in den letzten Wochen und Monaten gestellt und bin über die “Merkuristen” gestolpert. Der Name ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber hat ja seinen Sinn. Merkur war der Götterbote im römischen Reich. Der Plural heißt dann “Merkuristen” – also mehrere Götterboten. Ok, hoch gegriffen, aber die Merkuristen zeigen im Rhein-Main-Gebiet, wie moderner Journalismus in Zukunft funktionieren kann. Gerade im Hinblick auf Hyperlokalität und den neuen technischen Möglichkeiten. Das Internetprojekt ist unter “Merkurist.de” abrufbar. Im Netz und auch als App.

Im folgendem Videoclip zeigen die Merkuristen, wie ihr Konzept funktioniert. Im Video wird auch gezeigt, dass ein “Oha!” das neue “Like” ist und ein Tweet zum neuen “Sniped” wird. Aber sehen Sie selbst:

Merkuristen leben Hyperlokalität im Rhein-Main-Gebiet

Der Ein oder Andere wird nun bestimmt auch “Oha!” denken — und … “Bitte nicht noch eine weitere neue Seite!”. Aber Veränderungen kommen nunmal über neue Ideen. Merkurist existiert derzeit in Mainz, Frankfurt am Main, Wiesbaden, Idar-Oberstein, Ottweiler und Kaiserlauten. In Mainz haben sich die Merkuristen bereits einen sehr guten Namen gemacht und mit zig Tausend App-Downloads und eine sehr aktive Leserschaft einen Namen gemacht. Das Konzept ihrer Hyperlokalität ist eigentlich ganz einfach. Ich habe es im ersten Gedanken als “Mischmasch” aus Social Media und professioneller Nachrichtenseite bezeichnet.
Damit liege ich wohl auch nicht sehr weit weg von der Realität. Waren es bisher immer die Redakteure, die mit ihrem ganz persönlichen Netzwerk und mit weit geöffneten Augen und Ohren spannende Themen in ihrer Region gefunden haben. So sind es im Geschäftsmodell von Merkurist die Leser, die Eingaben machen. Einen sogenannten “Snip”.
Wie im Video zu sehen, erstellen die Leser ihren Snip und stellen eine konkrete Frage. Andere Leser ergänzen diese Frage mit ihren bekannten Fakten und Fotos und Videos. Die Leserschaft entscheidet dann gemeinsam per Klick – sie setzen ein “Oha!” – und am Ende kristallisieren sich die Themen heraus, die alle Leser am meisten interessiert.

Durch die Kombination aus Snip und Oha! ergibt sich dann die Themenliste, die die Redakteure von Merkurist redaktionell professionell und nach den Vorgaben des Pressekodex zu recherchieren. Ein ausführlicher redaktioneller Bericht entsteht. Aus Sicht der Leser entsteht dann quasi eine “Zeitung on Demand”. Snips mit weniger Leserinteresse haben aber trotzdem ihre Berechtigung. Gerade diese fördern die gewünschte Hyperlokalität. Auch Nischenthemen kommen so beim Leser an und werden nicht verschwiegen. Auch kleinere Vereine und unpopuläre Themen finden damit ein digitales zu Hause und sind dann auch über die App recherchierbar und über Suchmaschinen, wie Google auffindbar.

Hyperlokalität kann anders überhaupt nicht finanziert werden!

Die Einführung von zwingendem Mindestlohn und den damit sehr starken Dokumentationspflichten ermöglichen leider nicht mehr die Einbindung von freiberuflichen nebenberuflichen Journalisten oder Studenten. Entsprechend sind die Personalkosten in einen Bereich hochgeschnellt, die eine kleine Redaktion mit rein regionalem Fokus gar nicht mehr über Werbung gegenfinanzieren kann. Entsprechend gibt es fast nur nur “Einzelkämpfer” (Blogger), oder weniger legal agierende Online-Zeitungen, die ihre Mitarbeiter nicht anmelden, obwohl sie eigentlich zur Sozialversicherungspflicht verpflichtet sind.

Schade ist es vor allem für Medien-Studenten, die sich ein paar Euros zum Studium hinzuverdienen wollen und schon für die Zeit nach dem Studium Referenzen schaffen wollen. Oder aber auch schade für die pensionierten Journalisten, die ihren Lebensunterhalt über die gesetzliche Rente gesichert haben, aber gerne weiter “am Puls der Zeit” agieren wollen. Diese können nun kaum noch ohne weitere finanzielle Nachteile engagiert werden. Eigentlich eine Form der Altersdiskriminierung …

Ich selber betreibe seit Ende fast 10 Jahre die Oberberg-Nachrichten und die Südwestfalen-Nachrichten und kann sagen, dass diese beiden Projekte mit sehr viel Herzblut betrieben werden. Aber selbst die Spesen werden Regional nicht eingespielt. Die Werbepreise wurden von Anfang an so kalkuliert, damit Redakteure und das Marketing ordentlich bezahlt werden können und das Projekt wenigstens unterm Strich eine schwarze Null produziert. Auf dem Taschenrechner findet sich hier bereits ein Negativ-Saldo von einer kleinen sechsstelligen Summe.

Für mich als reiner Online-Verleger sind die regionalen Projekte die wohl schlechtesten Geschäfte. Und das, obwohl zum Beispiel die Oberberg-Nachrichten bei Facebook sehr gut “befreundet” sind. Bald 14.000 Facebook Likes zeugen von einer stabilen Fanschaft. Die Nachrichten werden gelesen. Definitiv. Leider fehlen dem Projekt die dringenden Einnahmen, um sich inhaltlich weiterentwickeln zu können. Aktuell fahre ich bei den Regionalseiten eher eine Sparpolitik, um diese überhaupt noch in Zukunft betreiben zu können.

Merkurist – könnte auch in Oberberg und im Sauerland funktionieren!

Mit einem klaren Konzept und einem sparsamen Einsatz von Personalressourcen könnte Merkurist auch in Oberberg und im Kreis Olpe betrieben werden, davon bin ich mittlerweile überzeugt. Wichtig ist jedoch eine Konzentration auf einer einzelnen Stadt – höchstens zwei Städte, damit die Hyperlokalität auch wirken kann und um einen redaktionellen Vorteil gegenüber der anderen schreibenden Marktbegleiter zu haben. Parallel müsste eine Promotion-Rakete gezündet werden, damit möglichst schnell sehr viele App-Installationen stattfinden und diese zu zahlreichen Snips führen, die dann ja die Basis für das basisdemokratische “Themenkarussell” sind.

Hyperlokalität - Sven Oliver Rüsche besuchte die Merkuristen in Mainz und über Lokaljournalismus.

Hyperlokalität – Sven Oliver Rüsche besuchte die Merkuristen in Mainz und über Lokaljournalismus.

Vor 14 Tagen war ich in Mainz und habe mir die Merkuristen einmal persönlich angeschaut. Ein erstes persönliches Gespräch gab es bereits im Sommer in Lüdenscheid. Mit meiner Erfahrung und mit der neuen Technik vom Merkuristen-Redaktionssystem als Kombi, plus mein sehr zuverlässiges Redaktionsteam in Gummersbach, könnten wir eigentlich einen Test in der Kreisstadt Gummersbach starten. Die Frage die sich aber einmal mehr stellt: Wird das Merkurist System mit all seiner Transparenz für Werbekunden ausreichen, um wenigstens bei diesen Hyperlokalen “Nachrichten 2.0” Projekt eine solide Gegenfinanzierung aufzubauen, um der Region eine solide, transparente und neuartige Nachrichtenquelle langfristig zu geben? Eine Frage, die ich aktuell noch für mich ganz persönlich beantworten muss.

Zukünftige Merkuristen für Gummersbach und Olpe gesucht!

Wer sich berufen fühlt, in Gummersbach und Olpe das Merkuristen Projekt zu unterstützen, der kann sich gerne mit mir in Verbindung setzen.

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